Wenn der Bildschirm zum Zufluchtsort wird – Lukas Weg aus der Mediensucht

Meine in frühester Kindheit entwickelte und in meinem Fall elterlich beförderte TV Affinität entwickelte sich in der Grundschulzeit zu einem problematischen Konsum der damals angesagten Konsolen: Gameboy Advance, Nintendo DS und Wii und resultierte in einer ausgeprägten Mediensucht ab der Gymnasialzeit – größtenteils ausgelebt am PC.

Mein Leben und besonders mein Gefühlserleben fand viele Jahre in Onlinewelten statt – die Flucht aus dem realen Leben schien alternativlos, mir war nicht bewusst, dass ich mich überhaupt auf der Flucht befinde und schon gar nicht vor was.

Ohne das eigene Flüchten als solches zu erkennen, blieb auch die Problemreflexion aus. Ich flüchtete also nicht nur vor familiären Problemen und eigenen Gefühlen, sondern auch gezielt vor dem Reflektieren jener Probleme und Gefühle.

Der schleichende Beginn

Von klein auf erlebte ich, wie der TV auch zum Alltagsritual meiner Mutter gehörte. Wie viele junge Kinder begeisterte mich dieser Bildschirm – zum Anfang noch ein alter Röhrenfernseher. Es dauerte nicht lange, bis ergänzend zu dem Familienfernseher im Wohnzimmer, ein alter gebrauchter TV in meinem Kinderzimmer Platz fand. Mit eigenem VHS-Kassetten Rekorder und einem großen Regal gefüllt mit Kinderfilmen, bestimmte das Filmeschauen einen Großteil meiner zuhause verbrachten Freizeit, ergänzt durch das gemeinsame Schauen des abendlichen TV-Programms mit meiner Mutter.

Es dauerte nicht lange, bis Fußball und Beyblades von dem Gameboy Advance als beliebteste Pausenbeschäftigung in der 2.Klasse abgelöst wurden. Begleitet durch TV-Serien, die die angesagten Gameboy Spiele (z.B. Pokemon) zusätzlich mit Bewegbild darstellten und während der Pause heiß diskutiert wurden.

Die ständige Verfügbarkeit von TV im Kinderzimmer oder der Gameboy Advance in der Hosentasche, beförderten meinen ansteigenden, exzessiven Konsum. Es besänftigte nicht nur die Langeweile, sondern verdrängte auch Einsamkeitsgefühle, verstärkte das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und bot tagtäglich Herausforderungen, um sich kompetitiv mit Mitschülerer*innen zu messen.

Je mehr Zeit ich investierte, desto höhere Level erreichte ich und desto mehr Anerkennung der Mitschüler erfuhr ich. Ich lernte also früh, welchen Blumenstrauß an vermeintlichen Vorteilen ein Leben in Onlinewelten bereithält.

Die Spirale nach unten

Es dauerte nicht lang, bis die Zeit vor dem Bildschirm spannender war als die Schule, aber auch als alle anderen Freizeitaktivitäten. Hobbys wie Fußball oder Jugendfeuerwehr empfand ich zunehmend als lästige Zeitverschwendungen, die mich vom nächsten Level abhielten. Gleichzeitig aber auch als Bedrohung, denn im Kontakt mit Mitmenschen und ohne ständige Ablenkung, kam ich immer wieder in Berührung mit sonst verdrängten Gefühlen. Es begann eine Spirale, in der ich mich verfing und viele Jahre nicht mehr herauskam. Je mehr Jahre ich mich von meinen unangenehmen Gefühlen ablenkte, desto weniger waren sie auszuhalten und wenn sie doch mal zum Vorschein kamen, lenkte ich mich widerum ab oder verdrängte die Probleme.

Ohne auch mal Gefühle auszuhalten, verlor ich meine Resilienz.

Kleinste Unstimmigkeiten mit Familie oder Mitschüler*innen lösten immer stärkere Aggressionen aus. Die sich daraus entwickelnden Gefühle wie Scham oder Schuld, führten noch mehr in die beschriebene Spirale.

Ohne erzieherische zeitliche Begrenzung machte ich die Nacht zum Tag. Schlafprobleme folgten, ebenso wie ein Leistungsabfall in der Schule. Mit einem durch den Leistungsabfall verbundenem Schulwechsel fing ich an, ausgeprägt zu schwänzen. Meine Mutter war natürlich ebenso überfordert, und mein sonstiges familiäres Umfeld versuchte in meinen Augen, emotionalen Druck auf mich auszuüben. In der Überforderung der Hilflosigkeit, trieb mich der aufgebaute Druck noch weiter in die Spirale.

Der innere Konflikt

Um mein inneres Gefühlserleben hüllte sich ein Nebel. Außerhalb der Onlinewelten fühlte sich alles stumpf, traurig und grau an. In der realen Welt fühlte ich nur noch wenig – allgegenwärtige familiäre Probleme waren oft existenzbedrohend und nicht auszuhalten. Gefühlsspitzen von Wut, Verzweiflung und Traurigkeit aber auch Zugehörigkeitsgefühl, Bewunderung und Erfolgsgefühle, erlebte ich in den Onlinewelten. Der leistungsbedingte Schulwechsel, ein späteres Schwänzen der Abschlussprüfung und der Abbruch eines späteren Studiums, verkörperten immer neue Tiefpunkte in meinem Leben.

Meist gelang es mir, diese Tiefpunkte zu erkennen. Aber all die Gefühle, die mit solchen Tiefpunkten einhergehen, wollte ich nicht aushalten.

Es entwickelte sich ein Gefühl von Selbsthass und gleichzeitig verlor ich das Vertrauen in mich selbst und meine Fähigkeiten.

Der Wendepunkt

Rückblickend verlor ich durch meinen Medienkonsum seit der Gymnasialzeit viel. Ich verlor meine Hobbys, Freunde, familiären Rückhalt, Beziehungen zerbrachen und zeitweise war ich ohne Schulabschluss. Doch nach jedem Tiefpunkt hatte ich das Glück, dass sich eine Tür öffnete und ich eine 2.Chance bekam. Es war Glück und Fluch zugleich, denn einerseits bekam ich oft die Gelegenheit, Verpasstes nachzuholen, andererseits entging ich immer dem benötigten Leidensdruck, dem absoluten Tiefpunkt, um eine intrinsische und nachhaltige Veränderung anzustoßen.

Mit dem Studium und dem Erwachsenwerden begann eine gezwungene Selbstständigkeit. Türen und Chancen die sich in der Kindheit und Jugend öffneten, fingen an zu verschwinden. Die Covid- Pandemie begann und gleichzeitig der finale Weg zu einem absoluten Tief- und Wendepunkt, der den zuvor erwähnten Leidensdruck beherbergte. Ich brach die Beziehung zu meiner Mutter und die zu meinem Vater ab und ich beendete meine Beziehung und mein Studium. Nachdem sich in den Jahren zuvor aus den Tiefpunkten heraus noch Türen für mich öffneten, Freunde fand und Schulabschlüsse nachholte, bot sich diesmal keine offene Tür mehr.

Mit Anfang 20 saß ich nun 12-16h am PC und spielte Videospiele, während ich in eine tiefe und anhaltende Depression rutschte.

Von klein auf klammerte ich mich an Lebensziele und schöne Zukunftsvorstellungen; sie halfen mir einen Lebenssinn zu geben. Doch nun stellte ich fest, dass ich mir mein Leben mit Anfang 20 immer anders vorgestellt hatte.

Nach einem einsamen Winter in einer Hütte mit einem kleinen Ofen, einem Bett und meinem PC im Garten meiner Großeltern, begann ich zu realisieren, dass der Medienkonsum einen sehr viel größeren Teil zu meiner Situation beigetragen hat, als ich es mir eingestehen konnte.

Früher war mein Medienkonsum oft größer als von Mitschülern und Freunden, aber der Unterschied war schwerer auszumachen. Mittlerweile war der Unterschied zu Freunden deutlich spürbar. Statt Ausbildung, Studium oder Arbeitsleben, befand ich mich den ganzen Tag vor dem PC, um Videospiele zu spielen.

Der Weg der Heilung

Schon zwei Jahre zuvor riet mir meine damalige Psychologin immer wieder zu einer Beratung für meinen Medienkonsum. Bis zum Wendepunkt dachte ich nie ernsthaft darüber nach. Doch aus einer gewissen Alternativlosigkeit heraus, war die Suche nach einem solchen Angebot die niedrigschwellige Möglichkeit, mir selbst aus diesem Tiefpunkt und der Perspektivlosigkeit irgendwie zu helfen.

Ich begann also mit einer ersten Onlinerecherche, legte diese aber schnell wieder auf Eis. Ein paar Wochen später dann der erneute Versuch und die erste E-Mail an die GESOP. Es dauerte nicht lang bis ich einen ersten Termin bekam. Danach hatte ich ein befremdliches Gefühl und ich wusste nicht ob das der große Wurf ist, nachdem ich suchte – nein, den ich dringend brauchte. Ich hatte seit früher Kindheit Erfahrungen mit Psychotherapien gesammelt, aber dieser Termin war ungewöhnlich: es war zwar ein Therapiesetting (2 Sessel, ein Tisch dazwischen und ein Mensch, der dir zuhört) aber vor allem ging es darum, wie viel, mit was, wo und wann man mit Medien in Berührung kommt.

Diese gezielte Konzentration auf ein Thema, zwang mich dazu, mir gezielt mehr Gedanken über Medien zu machen und meine Bildschirmzeit aktiv zu reflektieren. Zusätzlich folgte mit der Psychoedukation eine Bildung des Bewusstseins dafür, was es bedeutet mit einer Medienproblematik zu leben und schließlich auch die Einsicht, dass ich womöglich schon sehr lange unter einem problematischem Umgang mit Medien leide.

In den darauffolgenden Sitzungen haben wir die Vergangenheit nach Medieneinwirkungen durchforscht. Ich habe zum ersten Mal Schlüsselerlebnisse und Tiefpunkte vor dem bewussten Hintergrund des Medienkonsums reflektiert und konnte Zusammenhänge bilden. Am Ende jeder Sitzung haben wir die Zukunft konzipiert, in dem wir gezielt Strategien zur Reduktion des Medienkonsums durchgesprochen haben, welche ich anschließend – mal mehr, mal weniger gut – angewandt habe.

Ich habe gemerkt, dass eine Strategie nur so gut ist, wie der Wille, der dahintersteht.

Und nach den ersten Rückfällen wurde mir bewusst, dass der erste Schritt zwar getan ist, der Weg aber wahrscheinlich nie enden wird. Ein wichtiges Learning in dieser Anfangszeit: im Gegensatz zu Alkohol und anderen Drogen, ist das Ziel bei der Bekämpfung der Mediensucht nie die vollständige Abstinenz, sondern die Verbesserung des Verhältnisses von dysfunktionaler und funktionaler Bildschirmzeit.

Mittlerweile bin ich im Berufsleben angekommen, habe das Glück einen sinnstiftenden Beruf ausüben zu dürfen der mir Freude bereitet. Ich studiere wieder, führe eine glückliche und emotional stabile Beziehung, treffe oft Freunde und Familie und schaffe es regelmäßig meinem Ehrenamt und weiteren Hobbys nachzugehen.

Heute: Ein neuer Blick auf Medien

Nachdem ich den klassischen Weg (Einzelsitzungen->geführte Gruppe->Selbsthilfegruppe) der GESOP absolviert hatte, fand ich mich mit einem neuen Blick auf Medien wieder. Dadurch, dass eine vollständige Abstinenz nie das Ziel ist, weil Medien zur uneingeschränkten Teilnahme an der modernen Gesellschaft notwendig sind, ist die Definition des Erfolgs differenzierter und das Messen des Erfolgs komplizierter. Der gesunde Umgang mit Medien bleibt höchstindividuell. Es gilt, mit stetigen Rückfällen umzugehen – zu lernen wieder aufzustehen wenn man hinfällt. Das gehört nicht nur dazu, sondern darin liegt auch die Macht der nachhaltigen Veränderung. Ich habe gelernt, mit Medien besser umzugehen. Mal gelingt mir der gesunde Umgang besser und manchmal schlechter. Zu diesem Weg gehören Erfolgserlebnisse sowie Rückschläge. Das Streben nach dem „perfekten Umgang“ mit Medien, wirkt kontraproduktiv. Die Perfektion besteht darin, auf dem eigenen Weg zu bleiben, auf einem bewussten Weg im Umgang mit Medien.

Ich habe vor circa 5 Jahren den Weg in die GESOP gefunden. Seitdem habe ich nicht nur mehr Kontrolle über mein Leben gewonnen, sondern auch die Fähigkeit meinen eigenen Weg zu konzipieren und zu verfolgen. Die Entscheidung, mir bei der GESOP Hilfe zu suchen, würde ich als die folgenreichste bewusste Entscheidung meines Lebens bezeichnen. Es hat mir nicht nur einen beträchtlichen Anteil Freiheit wiedergegeben, sondern auch Unmengen an Zeit in der realen Welt verschafft. Zeit, das wohl knappste Gut unseres menschlichen Daseins.

Appell an die Leser*innen

Egal ob du glaubst einen problematischen Umgang mit Medien zu haben oder nicht, irgendwas hat dazu geführt, dass du auf meinen Blogeintrag gestoßen bist. Was auch immer dazu geführt hat, ist, wenn du mich fragst, Grund genug, einen Termin bei einem Mitarbeiter in der GESOP auszumachen.

Selbst wenn es am Ende keine Anzeichen für eine Problematik gibt, lernst du bei der ersten Sitzung Essentielles über Medien, ihre Schattenseiten und über deinen Umgang damit. Und wenn sich herausstellen sollte, dass du am richtigen Ort bist, hast du bereits den ersten Schritt hinter dir.

Ein besonderer Dank gilt meinem Suchtberater, der mich jetzt seit vielen Jahren begleitet und mir von Anfang an mit sehr wertgeschätztem Rat zur Seite stand. Außerdem möchte ich den vielen Menschen danken, die ich während meiner aktiven Zeit in der GESOP kennengelernt habe – einige davon, welche nicht nur Empfänger des Hilfsangebots sind, sondern auch zusätzlich Angebote aktiv mitgestalten.

Danke